- Maurizio Purrello
- 21. September 2026
- Business
150.000 EUR auf dem Konto – und trotzdem bald pleite?
Ein starkes Geschäftsjahr ist grundsätzlich eine gute Nachricht. Der Umsatz entwickelt sich positiv, der Gewinn steigt und auf dem Geschäftskonto sammelt sich immer mehr Liquidität.
Genau in dieser Situation entsteht allerdings ein Risiko, das viele Unternehmer unterschätzen:
Der Kontostand wird mit frei verfügbarem Geld verwechselt.
EUR 150.000 auf dem Geschäftskonto bedeuten nicht automatisch, dass Sie EUR 150.000 ausgeben können.
Wer diese Unterscheidung nicht trifft, kann trotz eines profitablen Unternehmens plötzlich in Liquiditätsprobleme geraten.
Ein voller Kontostand kann täuschen
Stellen Sie sich folgende Situation vor:
Es ist das vierte Quartal. Das Jahr ist deutlich besser gelaufen als erwartet. Ihre betriebswirtschaftliche Auswertung zeigt einen hohen Gewinn und auf dem Geschäftskonto liegen EUR 150.000.
Das fühlt sich zunächst komfortabel an.
Und genau dann entstehen häufig neue Wünsche.
Vielleicht soll ein größeres Fahrzeug angeschafft werden. Die Büroräume könnten neu ausgestattet werden. Ein zusätzlicher Mitarbeiter wäre angenehm. Gleichzeitig wird möglicherweise auch privat etwas großzügiger geplant.
Das Problem ist nicht grundsätzlich die Ausgabe.
Das Problem ist die Annahme, dass das vorhandene Bankguthaben vollständig zur Verfügung steht.
Denn auf Ihrem Konto befindet sich regelmäßig auch Geld, das wirtschaftlich bereits für andere Zwecke benötigt wird.
Zuerst müssen die kommenden Steuern berücksichtigt werden
Wenn sich der Gewinn eines Unternehmens deutlich besser entwickelt als ursprünglich erwartet, sollte frühzeitig geprüft werden, welche Steuerbelastung daraus voraussichtlich entsteht.
Gerade hier liegt ein typischer Fehler.
Die bisher festgesetzten Steuervorauszahlungen können beispielsweise noch auf deutlich niedrigeren Ergebnissen basieren.
Die tatsächliche Steuerbelastung kann deshalb höher sein als zunächst erwartet.
Im Beispiel aus dem Video werden bei einer GmbH vereinfacht rund 30 Prozent Steuerbelastung berücksichtigt.
Bei EUR 150.000 vorhandener Liquidität können damit beispielsweise rund EUR 50.000 wirtschaftlich bereits für Steuern benötigt werden.
Ob die Zahlung noch im laufenden Jahr oder erst später erfolgt, ändert für die Liquiditätsplanung wenig.
Das Geld sollte nicht zweimal verplant werden.
Die konkrete steuerliche Belastung hängt natürlich vom jeweiligen Einzelfall ab. Gerade deshalb ist eine aktuelle Steuerhochrechnung wichtig.
Auch zukünftige Investitionen gehören in die Rechnung
Nicht nur bereits bestehende Verpflichtungen sollten berücksichtigt werden.
Auch absehbare Ausgaben der kommenden Monate gehören in eine vernünftige Liquiditätsplanung.
Steht beispielsweise bereits fest, dass im nächsten Jahr eine Investition von EUR 20.000 erforderlich wird, sollte dieser Betrag heute nicht vollständig für andere Zwecke ausgegeben werden.
Das Gleiche gilt für geplante Neueinstellungen.
Ein Mitarbeiter verursacht nicht nur monatliche Personalkosten. Je nach Position können zusätzliche Ausgaben für Arbeitsplatz, technische Ausstattung, Fahrzeug oder andere betriebliche Mittel entstehen.
Im Beispiel werden dafür weitere EUR 25.000 berücksichtigt.
Damit sind von den ursprünglichen EUR 150.000 bereits EUR 95.000 für Steuern, Investitionen und geplante betriebliche Ausgaben vorgesehen.
Übrig bleiben EUR 55.000.
Und damit sieht die Situation bereits vollkommen anders aus als beim ersten Blick auf den Kontostand.
Warum zusätzlich ein Liquiditätspuffer notwendig ist
Aber auch die verbleibenden EUR 55.000 sollten nicht vollständig verplant werden.
Unternehmen funktionieren selten exakt nach Plan.
Ein größerer Kunde zahlt später.
Eine wichtige Maschine muss ersetzt werden.
Ein Projekt verschiebt sich.
Der Umsatz fällt einen Monat niedriger aus.
Oder eine Investition wird teurer als ursprünglich kalkuliert.
Deshalb sollte ein Unternehmen nicht bis zur letzten verfügbaren Reserve planen.
Im Beispiel wird zusätzlich ein konservativer Sicherheitspuffer berücksichtigt.
Damit bleiben von den ursprünglich EUR 150.000 letztlich nur ungefähr EUR 40.000, die tatsächlich für zusätzliche Ausgaben zur Verfügung stehen.
Das bedeutet nicht, dass das Unternehmen schlecht dasteht.
Im Gegenteil.
Jetzt besteht erstmals eine realistische Grundlage für unternehmerische Entscheidungen.
Gewinn und Liquidität sind nicht dasselbe
Ein weiterer wichtiger Punkt:
Ein hoher Gewinn bedeutet nicht automatisch, dass dauerhaft ausreichend Liquidität vorhanden ist.
Das gilt insbesondere für wachsende Unternehmen.
Steigende Gewinne führen regelmäßig zu höheren Steuerbelastungen. Wachstum kann zusätzliche Mitarbeiter, Warenbestände, Fahrzeuge oder andere Investitionen notwendig machen.
Gleichzeitig entsteht durch den steigenden Kontostand schnell das Gefühl, besonders viel finanziellen Spielraum zu haben.
Wer dann zusätzlich seine privaten oder nicht notwendigen betrieblichen Ausgaben erhöht, kann seine Liquidität schneller verbrauchen als gedacht.
Ein Unternehmen kann deshalb profitabel sein und trotzdem Liquiditätsprobleme bekommen.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Was liegt auf dem Konto?
Die bessere Frage lautet:
Wie viel davon ist tatsächlich noch nicht verplant?
Unternehmer sollten deshalb zumindest folgende Punkte im Blick haben:
- voraussichtlicher Gewinn des laufenden Jahres
- erwartete Steuerbelastung
- bereits bekannte größere Zahlungen
- geplante Investitionen
- zusätzliche Personal- und Finanzierungskosten
- ausreichende Liquiditätsreserve
Erst danach lässt sich beurteilen, welcher Betrag tatsächlich für zusätzliche Investitionen, Ausschüttungen, Entnahmen oder andere Ausgaben zur Verfügung steht.
Steuerhochrechnung nicht erst nach Jahresende
Gerade bei stark steigenden Gewinnen sollte die steuerliche Entwicklung nicht erst mit dem Jahresabschluss betrachtet werden.
Wenn bereits während des Jahres erkennbar ist, dass das Ergebnis erheblich über den bisherigen Erwartungen liegt, sollte auch die Steuerplanung aktualisiert werden.
Dadurch wissen Unternehmer frühzeitig, welcher Teil ihrer Liquidität voraussichtlich für Steuern benötigt wird.
Und genau das verhindert eine der unangenehmsten Situationen:
Das Geld wurde längst anderweitig ausgegeben und einige Monate später kommen hohe Steuerzahlungen.
Fazit
Ein gut gefülltes Geschäftskonto ist positiv.
Es ist aber keine ausreichende Grundlage für größere finanzielle Entscheidungen.
EUR 150.000 auf dem Konto können wirtschaftlich bereits zu einem erheblichen Teil für Steuern, Investitionen, Mitarbeiter und andere Verpflichtungen vorgesehen sein.
Wer diese Beträge frühzeitig berücksichtigt und zusätzlich einen angemessenen Sicherheitspuffer einplant, kann wesentlich besser beurteilen, welche Liquidität tatsächlich frei verfügbar ist.
Gerade bei stark steigenden Gewinnen lohnt sich deshalb der Blick nach vorne.
Nicht der Kontostand entscheidet darüber, wie viel Sie ausgeben können. Entscheidend ist, was nach Steuern, geplanten Verpflichtungen und einer vernünftigen Reserve tatsächlich übrig bleibt.